25.12.2025

10 years of the Paris Climate Agreement – Interview with systems scientist Prof. Dr Jochen Linßen

Forschungszentrum Jülich / Sascha Kreklau
If the rapid and targeted expansion of wind and solar power is successful, transport and buildings will benefit thanks to sector coupling, says systems researcher Jochen Linén. Image: Jülich Research Centre / Sascha Kreklau

What is needed for Germany and Europe to actually achieve the energy transition? Where do we stand today, and what options are on the table? To mark the tenth anniversary of the Paris Climate Agreement, Prof. Dr Jochen Linßen from the Jülich Research Centre provides insight.
Ten years ago, the international community agreed in Paris to limit global warming. Since then, one thing has been clear: climate protection requires more than just targets – it needs a robust framework. This is precisely what Prof. Dr Jochen Linßen is working on at Jülich Research Centre (FZJ). As head of the Jülich System Analysis group at the Institute for Climate- and Energy Systems (ICE-2), he investigates how Germany and Europe can transform their energy systems without losing sight of security of supply, economic viability and the environment. To this end, his team uses complex models which, in simple terms, function like ‘what-if machines’: they calculate how various political, technical and societal decisions might affect the future of energy. The resulting scenarios do not predict the future – but they do show which paths are realistic and sensible.

10 years of the Paris Climate Agreement. Looking back over this decade: where do we stand today in terms of climate targets?

Although the trend of rising CO₂ emissions has slowed globally, there is certainly no cause for complacency. In 2024, man-made emissions will reach a new all-time high of almost 38 billion tonnes – in 1990, the figure was just over 22 billion, representing a rise of around 70 per cent despite all the climate agreements. There is no sign of a trend reversal towards falling greenhouse gas emissions.
Even more seriously, several major economies have so far failed to meet the climate targets they set for themselves under the Paris Agreement. Yet it is precisely this agreement that commits the international community to limiting global warming to well below 2 °C – and ideally to 1.5 °C – compared with pre-industrial levels.
The consequences of this failed climate policy have long been evident. With every tenth of a degree of additional warming, the risks to ecosystems, societies and economies increase. And one thing is economically clear: the costs of increasing climate damage will, in the long term, exceed the expenditure on consistent climate protection. Future generations will bear the brunt of the damage caused by human-induced climate change.

© Forschungszentrum Jülich / Bernd Nörig
Prof. Dr Jochen Lin’en, Head of Jülich Systems Analysis at the Institute for Climate- and Energy Systems (ICE-2) at the Jülich Research Centre. Image: Jülich Research Centre / Bernd Nörig

Wo steht Deutschland in dieser Entwicklung?

Deutschland trägt als bevölkerungsreichstes und wirtschaftlich stärkstes Land Europas eine besondere Verantwortung für die europäischen Klimaschutzziele. Diese Rolle ist nicht nur politischer Anspruch, sondern auch Verpflichtung.
Das Klimaschutzgesetz von 2022 – vom Bundesverfassungsgericht eingefordert – bildet den zentralen Rahmen: Es schreibt verbindliche Klimaschutz- und Sektorziele fest und verankert den Pfad zur Netto-Treibhausgasneutralität bis 2045. Deutschland, aber auch Europa insgesamt, haben bislang wesentliche Fortschritte erzielt. Doch der aktuelle Kurs allein wird nicht reichen.
Die nächsten Etappen verlangen deutlich ambitioniertere Maßnahmen, getragen von technologischer Innovation, neuen Geschäftsmodellen und einer konsequenten politischen Umsetzung.

Was zeigen Ihre Szenarienstudien: Sind die Klimaziele realistisch – und unter welchen Bedingungen?

Unsere Forschung und Modellanalysen am Forschungszentrum Jülich zeigen klar: Die Transformation des Energiesystems ist technisch machbar und ökonomisch sogar sinnvoll. Entscheidend ist, dass wir die richtigen Weichen früh stellen. Dabei gibt es nicht nur einen Weg: Unsere Modelle und Szenarien zeigen eine ganze Bandbreite realistischer Optionen und machen sichtbar, welche Schritte heute und in den kommenden Jahren entscheidend sind, um die Ziele zu erreichen.
Nur mal als Beispiel: Gelingt der schnelle und gezielte Ausbau von Wind und Sonne, profitieren auch Verkehr und Gebäude – denn über die so genannte Sektorkopplung kann erneuerbarer Strom direkt für Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen intelligent eingesetzt werden. So sinkt der Bedarf an Erdöl und Erdgas deutlich und die Abhängigkeiten von einzelnen Ländern werden gemildert. Solche Zusammenhänge verdeutlichen, wie stark heutige Entscheidungen das Energiesystem und die Versorgungssicherheit von morgen beeinflussen.
Gerade darin liegt eine große Chance: Wer Optionen aus Forschung und Entwicklung jetzt konsequent nutzt, kann neue Innovationen schneller vom Prototypen in die breite Anwendung bringen. So lassen sich Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz gemeinsam stärken und ermöglicht eine aktive Gestaltung der Transformation – statt später unter größerem Druck reagieren zu müssen.
Die allzu schnell verdrängte Erdgaskrise 2022, ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, hat deutlich gezeigt, wie verletzlich Wirtschaft und Gesellschaft bei der plötzlichen Verknappung fossiler Energieträger sind. Auch das haben unsere Modelle klar gezeigt: Ein treibhausgasneutrales Energiesystem ist deutlich weniger anfällig und erhöht die geostrategische Sicherheit der Energieversorgung. Mehr Resilienz ist kein Nebenprodukt, sondern ein integraler Bestandteil der Transformation.
Eine Abkehr vom ambitionierten Klimaschutz wäre daher wirtschaftlich wie gesellschaftlich kontraproduktiv. Klimaschutz ist längst Teil moderner Wertschöpfung. Gleichzeitig müssen mögliche Wettbewerbsnachteile für die Industrie im globalen Handel abgefedert werden durch politische und wirtschaftliche Maßnahmen wie Förderprogramme für klimafreundliche Produktionsprozesse oder verlässliche global greifende CO₂-Preise. Entscheidend ist, Wettbewerbsfähigkeit, Klima- und Umweltschutz sowie Resilienz gemeinsam zu denken.

Welche konkreten Fragen aus Politik, Ministerien oder Behörden landen bei Ihnen auf dem Tisch – und wie helfen Ihre Modelle, darauf Antworten zu finden?

Immer wieder werden uns zentrale Fragen zur Zukunft des Energiesystems gestellt: Wie sicher ist die Versorgung in Zeiten von Dunkelflauten? Kann Deutschland zusammen mit Europa sich unabhängiger von fossilen Energieimporten machen? Welche Infrastrukturen und Techniken müssen wann verfügbar sein, um das Ziel zu erreichen? Wie werden erneuerbare Energien gespeichert, transportiert und wo werden diese genutzt?
Diese Fragen sind berechtigt – und sie lassen sich nur mit fundierten wissenschaftlichen Methoden und Modellen beantworten. Mit unserer Modellsuite ETHOS gehen wir diesen Fragen nach, indem wir das Energiesystem Deutschlands mathematisch abbilden – von Strom- und Wärmenetzen über Industrieprozesse bis zu globalen Energieflüssen. Mit ETHOS berechnen wir zum Beispiel, welche Kombination von Technologien die Versorgung zuverlässig und gleichzeitig kostengünstig macht, wie viel erneuerbare Energien dafür nötig sind oder wo Engpässe entstehen können. Mit unserer Modellsuite ETHOS werden genau solche Analysen möglich. Sie erlaubt unvoreingenommene, wissenschaftlich fundierte Untersuchungen zu Technologien, Transformationspfaden, Wertschöpfungsketten und Markthochläufen in zukünftigen Energiesystemen. Dabei betrachten wir nicht nur technische Entwicklungen wie Batterien, Netzausbau oder potenzielle langfristige Optionen wie die Kernfusion, sondern auch politische, ökonomische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wie etwa Genehmigungsregeln für Windräder oder die Akzeptanz neuer Energietechniken in der Gesellschaft. Unsere Szenarien machen diese Zusammenhänge transparent und bieten Politik, Regierung, Industrie und Wissenschaft eine fundierte Entscheidungsgrundlage.

Wie verlässlich sind diese Szenarien?

Energieszenarien bringen technische, gesellschaftliche und ökologische Dimensionen zusammen und vermitteln ein Gesamtbild eines hochkomplexen Systems. Sie zeigen mögliche Lösungswege und Optionen auf – sind aber nicht mit Prognosen zu verwechseln.
Prognosen versuchen, die Zukunft vorherzusagen, ähnlich einem Wetterbericht. Doch so wenig es einen verlässlichen Wetterbericht für die nächsten 25 Jahre geben wird, so wenig ist eine exakte Vorhersage des zukünftigen nationalen oder globalen Energiesystems möglich.
Was Szenarien aber leisten: Sie zeigen, welche Wege möglich sind, welche Entscheidungen notwendig wären und welche Konsequenzen unterschiedliche Pfade haben. Genau das macht sie zu einem unverzichtbaren Instrument für faktenbasierte, verantwortungsvolle Energie- und Klimapolitik.

Wenn wir uns zum 20-jährigen Jubiläum des Pariser Klimaabkommens wieder sprechen: Was hoffen Sie, über die Energiewende in Deutschland sagen zu können?

Ich hoffe sagen zu können, dass Deutschland den Übergang von ehrgeizigen Plänen zu entschlossenem Handeln geschafft hat – und damit zeigt, dass Klimaschutz und wirtschaftliche Stärke keine Gegensätze sind. Dass zentrale Technologien ihren Durchbruch erlebt haben, von erneuerbaren Energiesystemen bis hin zu leistungsfähigen Speichern und einer funktionierenden Wasserstoffinfrastruktur.
Und ich hoffe, dass unsere Analysen dazu beigetragen haben, diesen Weg verlässlich zu gestalten: indem sie Orientierung geben, Risiken sichtbar machen und Optionen aufzeigen. Wenn wir das erreichen, dann wird die Energiewende nicht nur gelingen – sie wird ein Standortvorteil für Deutschland und Europa sein.
Quelle: Forschungszentrum Jülich

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